Die Genschere macht Gentechnik salonfähig

Konsumenten lehnen Gentechnik bisher ab. Doch das Umschreiben des Erbguts mit Hilfe der Genschere Crispr/Cas9 könnte auf Zustimmung stossen.

Erstmals erschienen in der NZZ am Sonntag am 7. November 2020.

 

Die Schweizer Landwirtschaft soll weniger Pestizide einsetzen. Das fordern derzeit zwei Initiativen. Ohne Pestizide aber - so die Gegner - würden Pflanzenkrankheiten die Erträge empfindlich minimieren. Eine Alternative sind krankheitsresistente Pflanzen aus Zuchtprogrammen, die die sogenannte Genom-Editierung einsetzen. Das ist ein Verfahren zum Umschreiben der Erbgutsequenz, etwa mit Hilfe der Genschere Crispr/Cas9, deren beide Erfinderinnen kürzlich mit einem Nobelpreis geehrt wurden.

Allerdings: Konsumenten wollen diese Technologie nicht. Einige Schweizer Unternehmen etwa schrecken laut einer Studie der Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung TA-SWISS aus dem Jahr 2019 vor dem Einsatz der Genom-Editierung zurück, unter anderem aufgrund der «fehlenden Akzeptanz der Kundschaft».

Tatsächlich weiss man aus Untersuchungen der frühen 2000er Jahre, dass Verbraucher Produkte, die mit älteren gentechnischen Verfahren hergestellt wurden, nicht wollen - Stichwort «Frankenstein-Food».

Doch trifft dies auch auf die Genom-Editierung zu? Die Psychologin Angela Bearth, die das Verhalten von Verbrauchern an der ETH Zürich erforscht, sagt: «Ich denke nicht, dass man von den damaligen Studien auf die heutige Einstellung gegenüber neuen Verfahren schliessen kann.»

Am ehesten bei der Wildkartoffel einverstanden

Zu ihrer Einschätzung kommt Bearth unter anderem aufgrund einer Umfrage, die sie mit ihrer Doktorandin Rita Saleh unter 643 Verbrauchern aus der Deutschschweiz durchgeführt hat. Die Forscherinnen wollten wissen, welche Methoden Konsumenten am ehesten billigen, um Kartoffelpflanzen gegen die Kraut- und Knollenfäule zu schützen. Ausgelöst wird diese Krankheit durch einen Pilz, gegen den Landwirte heutzutage spritzen - sei es Kupfer im Biolandbau oder synthetische Fungizide in der konventionellen Landwirtschaft.

Für ihre Studie, die demnächst im Fachmagazin «Food Quality and Preference» erscheinen wird, präsentierten die Forscherinnen den Probanden vier verschiedene Möglichkeiten, um Kartoffelpflanzen vor Pilzbefall zu schützen:

• synthetische Pestizide

• natürliche Pestizide wie Kupfer,

• Einbringen eines Resistenzgens aus einer Wildkartoffel

• Umschreiben bestimmter Gene mittels Genom-Editierung

Die Probanden gaben ihre Haltung über einen Schieberegler wieder, den sie auf einer Skala von 0 bis 100, also von «nicht akzeptabel» bis «vollkommen akzeptabel», einstellten.

Das Resultat: Am ehesten waren die Studienteilnehmer mit dem Einschleusen eines Wildkartoffel-Gens einverstanden. Und das Umschreiben der Gene war für die Probanden genauso akzeptabel wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, egal, ob natürlich oder synthetisch. «Die Resultate deuten darauf hin, dass die Anwendung der Genschere in der Schweizer Landwirtschaft ähnlich akzeptiert ist wie der Einsatz von Fungiziden oder Kupfer», sagt Bearth.

Verbraucher stehen der Genom-Editierung in diesem Fall also aufgeschlossenerer gegenüber als angenommen. Abgesehen davon, das der Anbau von Genom-editierten Pflanzen in der Schweiz und in Europa derzeit sowieso nicht erlaubt ist, stellt sich die Frage: Weisen die Resultate in eine Zukunft, in der auch auf Schweizer Feldern solche Pflanzen spriessen?

Dazu sagt Barbara Steiner, zuständig für das Thema Pflanzenzüchtung beim Schweizer Bauernverband (SBV): «Für uns als Landwirtschaftsorganisation ist es wichtig, dass die Konsumenten unsere Produkte akzeptieren.»

Die durch Genom-Editierung gezüchteten Pflanzen müssten einen agronomischen Vorteil für die Landwirte bringen, etwa Resistenzen gegen Krankheiten. «Die Kraut- und Knollenfäule ist ein grosses Problem», sagt Steiner. «Falls es dafür Genom-editierte, zugelassene Sorten gäbe, könnte das für uns und die Umwelt interessant sein.»

Bisher geht man beim SBV allerdings davon aus, dass die Verbraucher den neuen Pflanzenzüchtungstechniken skeptisch gegenüberstehen. Steiner verweist unter anderem auf die Taschenstatistik 2020 «Umwelt» des Bundesamtes für Statistik.

Sie zeigt: Der Anteil der Befragten, die «Gentechnik zur Herstellung von Lebensmitteln» als gefährlich einschätzen, hat zwischen 2011 und 2019 stetig zugenommen. Im vergangenen Jahr stuften gut 35 Prozent die Gentechnik als «sehr gefährlich» ein, rund 40 Prozent als «eher gefährlich».

«Wie im Affekt»

Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Statistik und den Resultaten der ETH-Studie liesse sich wahrscheinlich durch die unterschiedliche Fragestellung erklären, meint Verhaltensforscherin Bearth. «Die allgemeine Frage nach Gentechnik ruft negative Bilder und Gefühle hervor. Wie im Affekt antworten die Menschen darauf ablehnend.» Wenn man allerdings erkläre, wofür eine Methode nützlich sein könne, dann falle die Antwort oft differenzierter aus.

In der Tat zeigt eine noch unveröffentlichte Studie der ETH Zürich und der Universität Leeds: Die Akzeptanz der Genom-Editierung hängt unter anderem davon ab, ob die Verbraucher glauben, selbst von Vorteilen zu profitieren. In der Studie ging es um eine Tomate, die dank Genom-Editierung länger haltbar ist.

«Wenn die Verbraucher die Vorteile dieser Tomate so interpretieren, dass die Händler sie länger gammeln lassen können, dann ist ihre Akzeptanz eher niedrig», sagt Bearth. Wenn sie die Vorteile aber eher darin sähen, dass sie selbst weniger Lebensmittel wegschmeissen müssen, sei die Akzeptanz höher.

Ob Lebensmittelverschwendung oder Krankheitsresistenz - die Genom-Editierung kann beide Probleme bekämpfen. Und davon lassen sich offenbar auch skeptische Verbraucher überzeugen, wenn sie differenziert informiert werden.